EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL
Theater im Bauturm, Köln

 

Nichts weniger als der Sinn des Lebens, 3. März 2016, Kölnischer Rundschau

 


 

IRGENDWIE ANDERS
Greizer Theaterherbst

 

"Greizer Theaterherbst er√∂ffnet: B√ľhnenspektakel mit Emotionalit√§t und Tiefsinn" von Karsten Schaarschmidt, Ostth√ľringer Zeitung,, 14.09. 2015

"St√ľck vermittelt positive Botschaft" von Gerd Betka, Freie Presse, 14.09. 2015

http://www.vogtlandspiegel.de/heisses-eroeffnungsspektakel

 


 

DIE IRRE VON CHAILLOT
WLB Esslingen


"Eine Zukunft ohne √Ėl" von Thomas Rothschild, Stuttgarter Zeitung, 14.04. 2014

 


 

TROPFEN AUF HEISSE STEINE
Palais Kabelwerk, Wien

 

Versuchsanordnungen: Baustelle Liebe

Liebe existiert nicht. Es gibt nur die Möglichkeit von Liebe. (Rainer Werner Fassbinder)

Diese Möglichkeiten von Liebe, Lust, Geschlecht und Sex wurden vergangene Woche bei der Premiere von „Tropfen auf heiße Steine“, nach dem Stück von Rainer Werner Fassbinder, in allen möglichen Varianten durchgespielt. Am Ende werden die inneliegenden Strukturen bei einer finalen Sexorgie wieder ganz auf Anfang gestellt und die sogenannte "Liebe" findet im Selbstmord von Franz auch ihr Opfer.

Der Junge und der Tyrann 

 Der 60-jährige Leopold lädt eines Abends den erst 19-jährigen Franz zu sich nach Hause ein. Der noch unerfahrene Junge fühlt sich vom sehr resoluten und bestimmenden Partner angezogen und sechs Monate später leben sie in einer eheähnlichen homosexuellen Beziehung zusammen unter einem Dach. Dabei kommt in Leopold immer mehr der Tyrann hervor, dem Franz zu dienen hat. Als Leopold auf Reisen ist, kommt Franz' verflossene Liebe, Anna, zu ihm. Er genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit, die sie ihm entgegenbringt und als in weiterer Folge auch Leopold mit seiner Ex-Freundin Vera zu Hause erscheint, wird die Personen-und Paarkonstellation gehörig durcheinandergewirbelt.

Who fits? Who fucks? 

 Franz und Leopold werden in der Inszenierung von Anna Katharina Winkler von den beiden Schauspielerinnen Ines Rössl und Katharina Vana verkörpert, während die weibliche Vergangenheit der beiden, in Gestalt von Anna und Vera, von den beiden Musikern gespielt wird. Die Umkehrung findet also auch in der jeweiligen Rollenzuschreibung statt. Trotzdem werden typisch männliche Gesten, so klischeehaft wir sie alle kennen, beibehalten und durch den weiblichen Körper verfremdet. Alles wird zur Umkehrung. Mann und Frau, Beziehung und Liebe, Macht und Opfer.

Geschlechter- und Beziehungskonstrukte werden aufgelöst und neu verbunden. Immer wieder werden Szenen von Liedern unterbrochen, die die Szenerie kontrastieren oder neu auslegen und Stimmungen der Protagonisten unterstreichen. Die Dialoge sind sehr pointiert und auch der Selbstmord von Franz mündet im Tragisch-Komischen.

Fazit: Ein wirklich toller Abend im Palais Kabelwerk. Ich habe selten so ungezwungenes, schönes Theater gesehen, das sich gesellschaftlichen Zwängen annimmt, diese im Spiel hinterfragt und neu verhandelt. Auch die DarstellerInnen waren großartig und der langanhaltende Applaus absolut gerechtfertigt. Mein Tipp: Unbedingt ansehen!

Lisa über "Tropfen auf heisse Steine" / Theatania / 27. 04. 2013 



 

STARTGUTHABEN - DAS RICHTIGE LEBEN IM DRITTEN A
Garage X, Wien

 

Hurra – es ist alles trostlos

Rollercoaster „Zeitgeist“ – alles einsteigen und anschnallen bitte: Garantiert wird eine große Portion Weltungergangsgefühl, eine Tragikomödie aus dem fast richtigen Leben und eine Prise Absurdität. Wer hier nicht schwindelig nach Hause geht, ist selber schuld! Diese Aufforderung hätte getrost über der Eingangstür zum Theaterraum der Garage X stehen können, die gestern unter dem Titel „Startguthaben – das richtige Leben im dritten A“ zum jährlichen Nachwuchsprojekt lud. Der Abend, in Koproduktion mit dem Institut für Sprachkunst der Universität für angewandter Kunst in Wien auf die Beine gestellt, ließ 3 AutorInnen sowie 3 Regisseurinnen zu Wort kommen. Oder besser sollte es wohl heißen „zu Wörtern kommen“. Denn diese mussten innerhalb von 2 Wochen geschrieben und in weiteren 2 Wochen mit den SchauspielerInnen erarbeitet werden. Theaterarbeit vom Fließband halt – man lernt ja schließlich fürs „richtige Leben“ da draußen. Und da muss es – wir wissen es alle – fix gehen! Einmal quer durch die zeitgeistige Befindlichkeit, mal kurz auf den Stapel von bereits Veröffentlichtem geschielt, und schon waren sie da, die drei „Einakter“, die den Thrill am Beginn der Berufslaufbahn bilden. Und verstecken müssen sich alle drei nicht. „Man muss sich ein Gerüst so vorstellen“ von Elisabeth Mundt, fischt über eine lange Strecke in den Gewässern, in denen sich nur der Weltuntergang spiegelt – und für die es auch bekannte, höchst aktuelle Vorbilder gibt. PeterLicht wäre eines davon, um nur jenen Protagonisten zu nennen, der in dieser Saison mit seiner „ Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends.“ im Schauspielhaus die Welt beinahe untergehen ließ. Wie er setzt Mundt das Publikum mitten hinein in eine soeben verwüstete Welt. Da liegt noch dicker Staub auf allen Straßen und das Knacken der Knochen, die brechen, ist in die Stille hinein zu hören. Auf einer schneeweißen Bühne, dicht an dicht mit weißen Plastikhockern zugestellt, erklärt ein junges Pärchen sich und dem Publikum, wie das so war, als es noch schön war auf dieser Welt und wie es jetzt so ist, mitten im Desaster. In einer Zerstörung, in der nicht einmal mehr die Beruhigungen der allmächtigen Staatsgewalt mehr etwas nützen. Dabei lassen die beiden jungen Leute ein Bild einer Stadt vor dem geistigen Auge entstehen, in welchem es von Gerüsten nur so wimmelt. Von Gerüsten, die gefüllt werden müssen mit stabilen Bauten – letztendlich aber dennoch in sich zusammenstürzen. Eine gelungene Metapher für den Zustand unserer Konsumgesellschaft, in jener Zeit, in der der Kapitalismus allenthalben hinterfragt wird, aber bislang noch keine tragfähigen Gegenentwürfe auf dem Tisch liegen die – und das muss heute schon sein – wieder global greifen könnten. Christina Scherrer und Johannes Schüchner hanteln sich anfänglich ängstlich und unbeholfen über das, was noch an begehbarem Stadtmaterial da ist, geraten angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Daseins in größten Beziehungsstress, um – Ende gut, alles gut, doch noch zueinander zu finden und von einer neuen, gemeinsamen Zukunft zu träumen. Wenn auch in einem höchst instabilen Zustand, auf der Spitze eines Plastikhockerturmes fest aneinandergeklammert. Anna Katharina Winkler schaffte es in ihrer Inszenierung, die Fragilität unseres Planeten in einem eindrucksvollen Spiel mit dem Ungleichgewicht zu veranschaulichen und die Menschen dennoch als Wesen zu determinieren, die eine enorme Kraft vorweisen können – die Hoffnung.

Elisabeth Ritonja über "Man muss sich ein Gerüst so vorstellen (Startguthaben - Ein Leben im dritten A) / European Cultural News / 26.04.2012

 


 

KÖNIGS MOMENT
Wlb Esslingen

 

„Königs Moment“: Disharmonie auf dem Esslinger Zollberg - Jan Neumanns Stück erzählt die spannende Geschichte eines verschenkten Lebens und setzt bewusst auf Ungemütlichkeit.

Jan Neumann hat schon mehrfach an der Württembergischen Landesbühne inszeniert. Nun, da er sehr bekannt geworden ist und erst kürzlich auch am Stuttgarter Staatstheater Regie geführt hat, gibt es so etwas wie eine Wiederkehr nach Esslingen. Als Autor ist Neumann mit „Königs Moment“ wieder da, Anna Katharina Winkler hat es auf der Studiobühne auf dem Zollberg inszeniert. „Königs Moment“ ist kein royales Drama. Der König ist Erdkundelehrer, heißt einfach Richard König und ist auf dem Weg von seiner Freundin nach Hause zu seiner Frau. Eine nächtliche Autofahrt, die nur 13 Minuten dauert, aber mit all ihren Gedanken und Ereignissen doch fast zwei Stunden Bühnenspiel erfordert. König, 59 Jahre alt, zieht so etwas wie eine Bilanz. Eine Bilanz eines verschenkten Lebens. Eine triste Bilanz, obwohl die meisten äußeren Bedingungen eigentlich recht stimmig sind. Aber zu viel hat dieser König eben nicht gemacht, ist zu viele Kompromisse eingegangen, war mal nicht mutig genug oder gar feige, mal stellte das Leben eben die Weichen – und er hatte nicht die Kraft, sie umzustellen. Ein kluges Stück. Mithin ein Stück, das über die Erzählung einer Lebensgeschichte hinaus die Zuschauer erreicht. Denn nicht nur die Geschichte ist trist, auch die Aufführung ist kopflastig, anstrengend. Der Besucher kommt sicher nicht auf die Idee, sich bequem in seinem Sessel einzurichten und sich unterhalten zu lassen. Nein, in Neumanns Stück wird ohnehin in theatralem Moll gespielt, die Disharmonien sind Programm. Und die Regisseurin Anna Katharina Winkler nimmt diese Intuition gekonnt auf, lässt auf der auch schon zerrissen wirkenden Bühne von Thomas Kurz mit ihren Spielinseln und den Lücken dazwischen in oftmals düsterem Licht diese Stimmung manchmal ins beinahe Lästige ausufern. Lothar Bobbe spielt den Richard König in einer solch beiläufigen Sachlichkeit, die spiegelt, wie eben so ein Leben beiläufig verrinnt. Er und die anderen Mitspieler erzählen mehr, als dass tatsächlich gespielt wird. Die Destruktion, sprich: die absolute Verweigerung ein auch nur ansatzweise wohliges Zuschauen zu ermöglichen, macht den Reiz und die Klasse dieses Stückes aus. Ein Theater, das bewusst auf die Ungemütlichkeit setzt, das Königs Befinden dem Zuschauer nicht nur illustriert. Königs Lebensbilanz infiziert den Zuschauer: Auch er fühlt sich nicht wohl bei der Geschichte, die ja durchaus auch ein Stück weit die eigene sein könnte in ihrer unbefriedigenden Normalität.

Armin Bauer über "Königs Moment" / Ludwigsburger Kreiszeitung / 28.01.2012

 


 

Das Leben der Anderen - Anna Katharina Winkler inszeniert „Königs Moment“ von Jan Neumann im Zollberg-Theater der Esslinger Landesbühne

Esslingen - Das Bühnenbild des Ausstatters Thomas Kurz im Zollberg-Theater der Esslinger Landesbühne fackelt nicht lang herum. Zwischen Bordstein und doppelter Bogenlampe zieht sich längs der Zuschauerreihen hin, was Herrn König in seinem Leben fehlt: die Leitplanke. Vielmehr säumen Leid-Planken seinen Weg. Der einzige Sohn ist als Säugling an einer Erbkrankheit gestorben, die Gattin versinkt im Menopausen-Kummerspeck, die junge Geliebte ist keine mehr, sondern eine sexuell appetitliche Perfektionsmaschine, die ihren unbefriedigten Befriediger zusehends kalt lässt. Was einmal groß und zukunftshell, was einmal „Königs Moment“ war, erlischt in Routine, Pein und flauer, mauer Erinnerung. Richard König, 59 Jahre alter Gymnasiallehrer, sieht sich als einen Gescheiterten. Die Leitplanke, die ihm fehlt, ist „die Fähigkeit, nicht nur zu denken, was man sagt, sondern auch zu sagen, was man denkt“ - und danach zu handeln, heißt es in Jan Neumanns Stück. Emotional und gewitzt - Ein Schlüsselsatz und eine einfache Lebenswahrheit münden in Neumanns episch-episodischem Drama um „Königs Moment“ in jenen finalen Wachzustand, der Perspektiven öffnet und Licht schafft - was in banalen Predigerton abstürzen könnte wie jede schlichte und ergreifende Wahrheit. Doch davor wahrt den Text seine emotionale Gewitztheit, seine Balance von Einfühlung und Distanz, seine schlüssig verwobene Vielschichtigkeit. Denn der Weg zum handelnden Ich führt über die Selbstpreisgabe: „Königs Moment“ meint ekstatisches Hochgefühl ebenso wie krisenhafte Gefährdung, Glück und Katastrophe gleichermaßen. Der Weisheit letzter Schluss ist kein hemdsärmeliges Zupackertum, sondern die denkende Vorstellung der eigenen Zerstörung, das wache Gewärtigen bitterer Erinnerungen, ja des eigenen Todes. Die Narben der Vergangenheit und die Spuren der Vergänglichkeit markieren den Pfad zum seinerseits stets gefährdeten Neuanfang. Und deshalb wird es in Anna Katharina Winklers Inszenierung erst mal dunkel. Deshalb stellt sich König seinen eigenen tödlichen Autounfall vor, deshalb spreizt sich das kleine Ich zu kosmischen Kreations- und Krisendimensionen. Auf der nächtlichen Rückfahrt vom termingemäßen Fremdgänger-Koitus lauscht König im Autoradio einer Sendung über den Urknall, den er in eigener Sache gedanklich gleich nachvollzieht - als Crash gegen die Leitplanke samt atomarer Zersplitterung seines Körpers und diffusem Stirb-und-Werde-Aufgehen im wahnhaft Großen Ganzen. Fünf Minuten währt die Nahtod-Imagination, die sich in kosmischer Zeitrelativität auf knapp zwei Theaterstunden eines Erinnerungsreigens dehnt.

Und den hat Winkler - hellsichtig und gemäß dem Stücktext - als Figurenpanorama statt als Rückprojektion eines Einzelnen inszeniert. Bereits die Urknall-Erzählung kommt nicht einfach aus dem Radio, sondern ist eine Ensemblenummer mit verteilten Stimmen und flackernder Lichtpantomime, die ins Dunkel vor der Schöpfung dringt. Assoziativ ineinander flimmern Galaxien im Universum und Scheinwerfer auf der Autobahn, die König entlangrast. Das Nahe rückt in kosmische Ferne, das Kosmische kommt ganz nah, spiegelt doch das ganze personifizierte Licht-Spiel einen Menschen in seiner zwischen-menschlichen Konstellation. Groß und Klein verschmelzen zu Seelenbildern des einsam im Welt- und Verkehrs- und Sozialraum bewegten Herrn König. Moment und Monument - Winkler hat jedoch nicht sein Selbstfindungsdrama inszeniert, sondern das Leben der Anderen, aus dem Königs Identität erst komponiert wird - gewissermaßen ein Drama der gegenseitigen menschlichen Anerkennung. König, den Lothar Bobbe mit grandiosem Format spielt, erstarrt für königliche Momente immer wieder zum Monument seiner selbst, zur Plastik im schattierenden Lichtkegel der Handlampe. Gerade dann wirkt er wie eine rätselhaft fremde, selbstvergessene Porträtbüste, deren Geschichte von den Anderen erinnert und erzählt werden muss: vom toten Sohn Felix, den Nils Thorben Bartling als berührendes Alter Ego spielt, vom boulevardesk-geilen Fräulein Bauer (Margarita Wiesner), der strebsamen und fast allzeit bereiten Geliebten, von der verhärmten Frau König (Beatrice Boca), vom katastrophenlüsternen Tankwart Tom (Ralph Hönicke), der von der Finanzkrise - einem weiteren Leitmotiv des Stücks den großen (Ur-)Knall erhofft und von vielen anderen. Diese Figurenkomposition wird von Winkler mit prall-komö­diantischer Theaterlebendigkeit in Szene gesetzt, fällt vorwitzig schon mal aus der Rolle und bespiegelt das Wesen Richard König in einer Folge konsequent krisenhafter Stationen: Im Unterricht seiner nervend hochbegabten oder drög interesselosen Schüler gerät dem Gymnasiallehrer Welt, Wille und Vorstellung durcheinander, deshalb mutiert er im Duett mit Sohn Felix zum Agitator und ruft die Revolution aus - doch ach, es war nur in Gedanken. Im steten Rück- und Vorlauf der Zeit, dem Strukturprinzip von Neumanns Erinnerungs-stück, folgt der läppische Wassergymnastikkurs der nunmehr verfetteten ehemaligen DDR-Kaderschwimmerin Frau König, es folgt das Kennenlernen des nachmaligen Ehepaars in der Wende-DDR samt Vereinigung in der Nacht der Wiedervereinigung, es folgt der tragische Tod des Sohns und die Knall-auf-Fall-Begegnung mit Fräulein König beim Schulausflug ins Schmetterlingshaus. Alles Schicksal, Zufall, jedenfalls Krise: ein Lebensmosaik aus Wendepunkten, von der Regisseurin und dem Ensemble in verbindlicher Kenntlichkeit gezeichnet. Deshalb stehen den Zuschauerreihen auf Kurz‘ Bühne spiegelbildlich Zuschauerreihen gegenüber, deshalb ist es kein bloßer Theatergag, wenn ein Zuschauer schließlich den erinnerungsgepeinigten Richard König vertreten muss: Wir alle sind gemeint, betroffen von den Wechselfällen einer krisenhaften Normalität. Am Ende rinnt melancholischer Regen über die vergrößerte Windschutzscheibe, aber der Aufbruch ist nah. Die Wachrufe indes verhallen im Echoraum, finden keinen festen Grund. Soll heißen: Sicher ist nur die Zyklizität existenzieller Krisen - bei allem handelnden Optimismus.

Martin Mezger über "Königs Moment" / Esslinger Zeitung / 28.01.2012

 


 

DAS ENDE EINER GESCHICHTE
Theater Phönix, Linz

 

Mirakulöse Miniatur

Zwei Frauen stehen sich gegenüber, jeweils an die Wand gelehnt. Judith (Judith Richter), eine erfolgreiche Ärztin, und ihre Schwägerin Lisa (Lisa Fuchs). Dazwischen tut sich der schwarze Raum des Phönix-Studios auf, von der Decke hängen weiße Requisiten: March Hölds Stück „Das Ende einer Geschichte“ feiert in einer beengten Blackbox seine Uraufführung. In der Regieanweisung ist von einem weiten, hellen Loft als Schauplatz die Rede. Doch Regisseurin Anna Katharina Winkler wird in der Folge nicht nur den Raum verdichten, sondern auch den surrealen Ebenen des Stückes mit viel Halbdunkel Vorschub leisten. Zunächst aber nimmt sich alles recht harmlos aus. Lisa kommt mit Judiths Mutter, um die sie sich kümmert, auf Besuch. Zwischen den Schwägerinnen werden Höflichkeiten und Sticheleien ausgetauscht, bis der Grund des Besuchs aufs Tapet kommt. Die Geburt Judiths sei eine seltsame Geschichte gewesen. Der alte Mantel der Mutter wird zum geheimnisvollen Indiz dafür, und vor der Wohnungstür taucht immer wieder eine fremde alte Frau auf (komisch bis süffisant: Peter Woy), die erstaunlich gut über Judith Bescheid weiß. Die surrealen Qualitäten von Hölds Stück beginnen sich hier zu entfalten. Zeitebenen verschieben sich, die erlebte Realität kippt allmählich ins (Alb-)Traumhafte. Ist Judith eine Frühgeburt gewesen oder abgetrieben worden? Des Rätsels Lösung wird nicht verraten, und mit dem Zurückspulen der Handlung hängt am Ende alles endgültig in der Zeitschleife fest. Viel Applaus für eine gelungene Theaterminiatur im Geiste David Lynchs.

Wolfgang Schmutz über "Das Ende einer Geschichte / Der Standard / 16.10.2010

 


 

Geburt eines Albtraums, Albtraum einer Geburt

Die Ärztin Judith hat sich ihr Leben so eingerichtet, dass ihr weder Trübsal noch schmerzhafte Selbstreflexionen etwas anhaben können. Sie ist Ärztin, wohnt in einem Loft, das sie von der Welt abschottet. Sie verlacht, was ihr zu nahe kommt - oder ertränkt es in sündteurem Rotwein. Eines Abends muss sie sich stellen, ihre verwitwete Schwägerin Lisa offenbart ihr die Geschichte ihrer eigenen Geburt. Die im Nebenzimmer schlafende (Schwieger-)Mutter hat sie nicht Judith, sie hat sie Lisa erzählt.?Diese verstörende Fantasie stammt von der Autorin March Höld. Mit ihrem Werk „Das Ende einer Geschichte" gewann die Burgenländerin 2009 den Autorenwettbewerb von Kulturverein Musentempel/Theater Phönix. Die Uraufführung ist der erste Preis.?Gerald Koppensteiner (Bühne) lässt Türklinken, Weinflaschen oder Zahnbürsten in einem Wald von Eisenketten von der Decke baumeln und vertieft eine düstere Traum-situation. Regisseurin Anna Katharina Winkler versucht erst gar nicht, die Ebenen von Traum und Wirklichkeit abzugrenzen. Auch in Hölds Text wabern sie konturlos. Judith Richter packt als zynisch-verzweifelte Judith mit kalter Hand den Zuschauer, bis die Albträume der eigenen Entstehungsgeschichte ins Bewusstsein sickern. Lisa Fuchs gelingt die Grätsche von Unbeholfenheit zur Kenntnis der vermeintlichen Wahrheit blendend. Die Besetzung des tadellosen Peter Woy als alte Frau verkleinert leider die Figur, es entreißt ihr den Dämon.?Der Abend gerinnt im Fantastischen. Könnte Judiths Geburt nicht eher ihre Abtreibung gewesen sein? Suchen Sie keinen roten Faden. Höld hat ihn in Fransen gerissen, um surreale, mitunter befremdliche Gedankenspiele daraus zu weben.

 

Peter Grubmüller über "Das Ende einer Geschichte" / Die oberösterreichischen Nachrichen / 16.10.2010

 


 

Gelungenes Dramenexperiment im Linzer Theater Phönix: Netz aus Realität und Traum

Das Linzer Theater Phönix führte heuer erstmals einen Dramen Wettbewerb für junge Autorinnen durch. Aus rund 100 Einsendungen und mehreren Qualifikationsrunden kristallisierte sich March Hölds „Das Ende einer Geschichte" als Siegerdrama heraus. Die Premiere am Donnerstag bestätigte: Es war eine gute Wahl!?March Höld (34) stellt erstmals in Linz ein Stück vor. „Das Ende einer Geschichte“, erzählt von Judith, einer Ärztin, und ihrer Schwägerin Lisa. Beide reden über die im Nebenzimmer schlafende Schwiegermutter... Das alles läuft nicht ganz so linear ab, wie es sein könnte. Und das ist auch gut so, denn Höld spinnt ein dichtes Netz aus Realität und Traum, in dem sich die Zeiten und Ereignisse verschieben. Mit Reizwörtern setzt sie dann doch immer wieder handlungsfeste Punkte, sodass sich schlussendlich alle subtilen Ahnungen über eine totgeschwiegene und tabuisierte Herkunft manifestieren.?Höld konnte den „Musentempel-Damen" Judith Richter und Lisa Fuchs die Rollen auf den Leib schreiben. Regisseurin Anna Katharina Winkler hebt mit Straffheit und Dynamik noch einmal die Dichte an. Die beiden Schauspielerinnen geizen nicht mit starken Emotionen. Peter Woy gesellt sich als „sehr alte Frau" dazu, die schlussendlich das Geheimnis lüftet. Wunderbar einfach und doch poetisch genial ist übrigens die Bühnenausstattung von Gerald Koppensteiner. Was als Dramenexperiment startete, kann als Bühnenerfolg gefeiert werden!

 

Vera Rathenböck über "Das Ende einer Geschichte" / Die Krone / 16.10.2010

 


 

KAMPF DES NEGERS UND DER HUNDE
Wlb Esslingen

 

Auf den Hund gekommen - Ein blutiger „Kampf des Negers und der Hunde“ an der Esslinger Landesbühne

Esslingen - In den 1980er-Jahren standen seine provokanten Stücke über Mörder, Außenseiter, Fremdenhass und Gewalt auf allen Spielplänen der Republik, dann starb der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès jung und skandalträchtig an Aids. 20 Jahre später sind die­se düsteren Dramen, deren wortreiches Intellektuellenpathos immer ein wenig ihre knallharte Realität in Frage stellt, ziemlich aus der Mode geraten. Eine gute Gelegenheit also, sie auf ihren Restgehalt nach Abzug des Zeitgeschmacks zu prüfen. Jetzt hatte der „Kampf des Negers und der Hunde“, ein blutig eskalierendes Stück über den Neokolonialismus der Europäer in Afrika, im Podium des Esslinger Schauspielhauses Premiere. Auf einer Großbaustelle, abgesichert vor der Weite des unheimlichen Kontinents durch einen hohen Bretterzaun, will ein Einheimischer die Leiche seines Bruders abholen. Der wurde angeblich überfahren, in Wirklichkeit aber von Cal erschossen, einem unberechenbaren Ingenieur. Horn, der joviale Baustellenleiter, muss sich um seine eben angekommene Ehefrau kümmern, er versucht den fragenden Schwarzen hinzuhalten, ihn mit Geld oder falscher Freundlichkeit zum Fortgehen zu bewegen. Rastlos und sinnlos schichten Horn und Cal immer wieder Betonsäcke um, von einer Ecke in die andere; sie brauchen in Anna Katharina Winklers Inszenierung die Selbstbestätigung durch ihre Arbeit so dringend, dass sie sogar in den Baumaschinen schlafen. Léone, die neue Ehefrau, ist zunächst nur als Schattenriss hinter einem Vorhang sichtbar, sie singt sich als dampfplaudernder Marilyn-Verschnitt die neue Heimat Afrika in Reggae-Songs zurecht. Eine Frau und drei Männer, drei Weiße und ein Schwarzer, ein vertuschter Mord: Unweigerlich eskalieren die Spannungen. Das gegenseitige Missverstehen ist umfassend, minutenlang lässt die Regisseurin ihre Figuren gleichzeitig reden oder schreien - bis der vielen Worte genug gewechselt sind, der gesamte Theaterraum ins Dunkel stürzt, wo mit absurder Konsequenz die Körperlichkeit statt der Worte regiert, Instinkt statt Zivilisation. Die Hunde hinter den Menschenfassaden erwachen. Den Quantensprung an blutig-verschmierter Intensität hat die Regisseurin hier auch ihren vier großartigen Darstellern zu verdanken. Cal wühlt im Dreck, um die Leiche zu finden, und wird selbst zu dem Hund, den er die ganze Zeit sucht und den die Neger wohl gefressen haben, wie er sagt. Stefan Wancura spielt den eigentlich intelligenten Ingenieur als dumpf Getriebenen mit minimaler Toleranzgrenze. Horns verständnisvolle Kumpel-Fassade bröckelt, erschreckend enthüllt Ralph Hönicke eine angeborene Herrenmenschen-Arroganz in dem souveränen Intellektuellen. Léone verliebt sich in den Schwarzen und verrennt sich in einer Exotismus-Fantasie des edlen Wilden: Nadine Ehrenreich schlafwandelt lächelnd von einer Täuschung in die nächste. Allein der Neger bleibt geheimnisvoll. Oder er wird es erst, denn anfangs begegnet uns kein Schwarzer, sondern lediglich ein harmloser Gastarbeiter, nicht einmal mit Akzent - entgegen den Intentionen des Autors. So wie der gemütliche Nikolaos Eleftheriadis ihn spielt, ist der schwarze Alboury nicht einmal unheimlich, er hat seine Nische im Zuschauerraum, kocht Tee und schmiert Brötchen. In die Rolle des unheimlichen Wilden, des Negers im Baströckchen, fällt er erst für die drei Franzosen. Warum auch er außer sich gerät, der anfangs so zurückhaltend und freundlich war, wird nicht recht klar. Statt auf psychologisch ergründbare Menschen treffen wir auch in diesem Koltès-Stück auf Chiffren eines philosophisch-spitzfindigen Diskurses. Alles ist ein bisschen zu exzentrisch, zu redselig und exaltiert, um noch echt zu sein. Koltès‘ Figuren stehen ständig unter dem Druck, jede Regung umgehend in möglichst viele Worte zu fassen. So wichtig sie auch wegen ihres Inhalts sein mag: Der Form nach hat diese geschwätzige Dramatik den Ruch einer vergangenen Mode.

Angela Reinhardt über "Kampf des Negers und der Hunde" / Esslinger Zeitung / 23.03.2010 

 


 

BARBIE DOLL & BUNNY. FUNNY?
Theater Drachengasse, Wien

 

Abgründe der Weiblichkeit

Christina Scherrer macht sich mit ihrem zweiten Soloprogramm in der Drachengasse bemerkbar. Sie ist 24 und präsentiert schon ihr zweites Soloprogramm. Bildhübsch und selbstbewusst entwaffnet die junge Schauspielerin Christina Scherrer ihr geheimnisvolles Lächeln, man weiß nicht recht, wo man sie einordnen soll. Eine Aura, die die Scherrerin auch im Laufe dieser Vorstellung nicht ablegt. Was die Neugier definitiv weckt. „Barbie, Doll and Bunny – funny? Eine musikalische Zustandsbeschreibung“ heißt der kurze Abend, den Christina Scherrer zusammen mit der Regisseurin Anna Winkler erarbeitet hat. Bezeichnungen, die sie offenbar für sich selbst abtestet, wenn sie die Einsamkeit und Verderbtheit des Showbusiness verhandelt, das weniger Talent und Charisma, als vielmehr einfach nur den Körper von der Frau verlangt. Wie wir ja alle wissen. So geht der Abend los, um dann durch seltsam schräge Abgründe der Weiblichkeit zu mäandern, immer ein wenig unentschieden (oder auch nur uns hilflosen Zuschauern nicht verratend), wo man hin will, so dass auch die kokett im Titel gestellte Frage „Funny?“ nur teilweise mit einem festen Ja beantwortet werden kann, etwa wenn ein paar Zigaretten in einer Bar in verschiedenen Sprachen, hauptsächlich Wienerisch, Love Storys durchleben. Insgesamt erwecken die Figuren, die wahrscheinlich alle Facetten im scherrerschen Identitätskosmos repräsentieren, den Anschein, schon so manchen Abgrund auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erlebt zu haben und in der Theorie zwar abgebrüht drüberzustehen, in der Praxis aber eben nicht ganz. Aus den einzelnen, sympathisch-abseitigen Scherrer-Splittern setzt sich jedoch kein glasklares Bild zusammen. Unmissverständlicher als das dramaturgische, schreibende legt die Künstlerin einerseits ihre schauspielerische Vielfalt (die Figur des tiafen Zuhälterschweins erster Güte ist der reinste, nein, der schmutzigste Genuss!), andererseits ihr musikalisches Können an den Tag. Oder besser gesagt ihr unmusikalisches Talent. Denn die Figuren, die sie darstellt (Handpuppen inklusive), lieben es zu singen, so wie man sich unter der Dusche dem grölenden Pathos hingibt: Hoch, tief, versifft, enthusiastisch – diese Bandbreite von grölend bis Musical, mit der Scherrer Hits unterschiedlichster Natur, wie “Toxic” oder “Für dich soll’s rote Rosen regnen”, in Begleitung des Pianisten Matthias Klausberger darbietet, dabei trotzdem immer den richtigen Ton treffend, macht wahrlich Freude. Famos gelungen Vanessa Riederers Kostümbild, das alle paar Minuten elegant wechselt und die vielseitige Akteurin jedes Mal neu zu erfinden scheint. „Barbie, Doll and Bunny – funny?“: Wer sich von diesem sperrigen Titel nicht abschrecken lässt, bekommt ein verblüffendes Programm zu sehen, das die Sperrigkeit fortsetzt und daher schwer beschreibbar ist – aber ein gutes Gefühl hinterlässt: Befriedigt wird die Neugier nicht, sie bleibt wohlig kitzelnd aufrecht.

Martin Thomas Pesl über "Barbie Doll & Bunny.Funny? / WIENER / 4.11.2011